Die Legende von Metasequoia…

„Das Dorf Schlattingen, klein, gerade 50 Bewohner. Ein Dorf, in dem sich noch keiner zu schade ist, mal kurz anzuhalten und sich guten Tag zu sagen.
Rund um Schlattingen liegen viele Wiesen, ein paar Höfe, hie und da ein Gewässer, Vieh und der grosse Wald. Ja, wäre der grosse Wald nicht, könnte man vermuten, dass es in der Schweiz wohl nirgends ein so verschlafenes Nest gibt.
Damals, an einem heissen Julitag, liefen zwei Pilger durch das idyllische Schlattingen. Sie waren frohen Mutes, jedoch baten sie um Wasser und etwas Brot und Speck, da sie eine lange Reise hinter sich hatten. Folglich waren sie müde und hatten einen gesegneten Appetit.
Auf die Frage, wo die Reise denn hinführe, antworteten sie, dass sie auf dem schnellsten Wege nach Trutikofen zu gelangen suchten, da sie müde und erschöpft seien.
Der kürzeste Weg nach Trutikofen führte durch den grossen Wald, dies wusste hier jeder. Die bösen Gerüchte und dunklen Geschichten liessen hier jeden den Wald meiden. Von kleinen Kindern bis zu alten Greisen waren die Geschichten mehr als geläufig. Auf das Bitten hin, sie sollten den Wald meiden, erwiderten sie nur, es sei ihnen gleichgültig. Dumme Geschichten um den Kindern Angst zu machen, so nannten sie die Geschichten, welche über hunderte von Jahren von Vater zu Sohn weitergegeben wurden.
Man liess sie ziehen, Gott schütze sie…
Stimmen, überall Stimmen, aus der Luft, den Bäumen, gar aus dem Boden kamen sie. Sie flüsterten einem merkwürdige Dinge ins Ohr… Nun, da die zwei Wandersleute den Wald betraten, wollten sie am liebsten das Weite suchen, weit weg vom Wald, seinen Stimmen und dunklen Geheimnissen. Doch wenn man erst im Herzen des Waldes war, liess er einen nicht mehr so schnell ziehen.
Noch nie sahen sie derart viel Bewegung in einem Wald. All diese Zeichen verrieten ihnen, dass die Geschichten und Gerüchte wohl viel mehr Tatsachen waren. „Metasequoia, Metasequoia“, immer wieder hörten sie dieselben Worte. Kälte wanderte in ihre Herzen. Da erblickten sie sie…merkwürdige Wesen, mal kleiner, mal grösser, mal hatten sie scharfe, grosse Krallen, mal sahen sie so gar nicht gefährlich aus…es waren jene, die im Wald das Licht der Welt erblickten, im Wald lebten, im Wald starben…Seit Jahrhunderten wussten sie, wie sie sich dem menschlichen Auge entziehen konnten, bis heute…
Irgendetwas vergötterten sie, die Pilger erkannten nicht, was es war. Es leuchtete in einem strahlend weissen Licht, sie fühlten sich hingezogen zu dem Ding, sie konnten es schon beinahe greifen…
Da, ein Schrei! Die Kreaturen waren auf die Pilger aufmerksam geworden. Die Pilger schraken aus ihrer Trance auf und liefen, so schnell sie ihre kurzen Beine trugen. Äste und Sträucher peitschten in ihr Gesicht, doch es war ihnen egal, bloss weg aus diesem verfluchten Wald! Licht drang durch das Dickicht, noch wenige Meter bis zum Ziel…
Das grelle Licht der Sonne blendete sie, als sie durch das Dickicht in die Freiheit stiessen. Der Wald hatte sie wieder freigegeben.“